20. Türchen

Was wiegt eine Schneeflocke?

Es war Winter. Überall schneite es. Im Wald saß eine Wildtaube auf einem Baumzweig. Still betrachtete sie das Schneetreiben. „Jetzt könnte ich ein bisschen Gesellschaft gebrauchen. Ein kleines Schwätzchen wäre nicht schlecht“, dachte sie und sah sich um.
Schon kam Besuch auf sie zugeflogen, eine muntere Tannenmeise.
„Guten Tag“, sagte die Tannenmeise.
„Ich grüße dich“, erwiderte die Wildtaube.
„Schön, dass du kommst. Was gibt es Neues im Wald?“
„Die ganze Welt schneit ein“, sagte die Tannenmeise. „Es kommen einem die seltsamsten Gedanken und Fragen bei diesem Wetter. Was meinst du, Wildtaube, was wiegt eine Schneeflocke?“
Die Wildtaube gucke in die Luft und verfolgte eine Schneeflocke nach der anderen, wie sie langsam und leise zu Boden fielen. „Eine Schneeflocke ist so leicht, dass sie gar nichts wiegt“, antwortete sie. Nicht mehr als ein Nichts“.
„Das habe ich auch gedacht“, sagte die Tannenmeise. „Aber es stimmt nicht. Hör dir eine wunderbare Geschichte an, die ich neulich erlebt habe.
Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien begann. Es schneite nicht heftig im Sturmgebraus, sondern so wie jetzt. Lautlos und ohne Schwere.

Weil ich nichts Besseres zu tun wusste, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und auf die Nadeln des Astes fielen und daran hängen blieben. 
Du musst wissen, ich bin sehr flink. Nicht nur im Fliegen und Zwitschern, sondern auch im Zählen. Genau drei Millionen siehenhunderteinundvierzigtausendneunhundertzweiundfünfzig Schneeflocken waren es. Als die nächste Flocke niederfiel – nicht mehr als ein Nichts -, brach der Ast ab. Denn die Schneelast war ihm zu schwer geworden.“

Damit flog die Tannenmeise wieder davon.
Nun hatte die Wildtaube etwas zum Nachdenken. „Das ist eine tolle Geschichte, die mir die Tannenmeise erzählt hat“, dachte sie.
Und da sie ein kluger Vogel war, ein Tier, das die Menschen zum Friedensvogel erklärt hatten, begriff sie auch gleich, was diese Geschichte bedeutete. 

„Vielleicht fehlt nur die Stimme eines einzelnen Menschen zum Frieden der Welt“, sagte die Wildtaube. „Jeder einzelne Mensch und seine Stimme sind wichtig, damit am Ende Frieden wird“.
Und die Wildtaube freute sich über die Botschaft, die ihr die Tannenmeise gebracht hatte.
Nun guckte sie noch einmal so gern in das leise Fallen der Schneeflocken.

Illustriert von Gisela Röder, aus: 24 Geschichten zum Advent –Leselöwen-, Loewe-Verlag